Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Jahr, und vielleicht geht es vielen so: Das Herz ist ein wenig schwer. Der Blick fällt auf eine Welt, die lauter geworden ist, rauer und oft unversöhnlicher. Vieles von dem, was über Jahrzehnte als sicher galt – der Konsens über unsere Demokratie, das Nie wieder gegenüber Ausgrenzung und Hass – scheint Risse bekommen zu haben.
Es ist zu erleben, wie Menschen nach Identität suchen und sie oft in der Abgrenzung finden. In der Vorstellung, man sei nur dann jemand, wenn man zu einer bestimmten Gruppe gehört oder andere ausschließt. Es ist die Suche nach Wert in einer Welt, die häufig das Gefühl vermittelt, nicht genug zu sein.
Doch mitten in diese Unruhe hinein spricht eine alte, fast vergessene Botschaft: die Gnade.
Martin Luther hat daran erinnert, dass der Wert eines Menschen nicht das Ergebnis seiner Leistung ist. Er hängt nicht davon ab, wie erfolgreich jemand ist, wie perfekt er funktioniert oder zu welcher Nation er gehört.
Gnade bedeutet: Du bist gewollt. Du bist wertvoll. Einfach so.
Das ist kein billiger Trost, sondern das radikalste Gegengift gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit. Denn wer begriffen hat, dass der eigene Wert ein Geschenk ist, das nicht verteidigt werden muss, der muss auch niemanden mehr abwerten, um sich selbst groß zu fühlen.
Wenn Menschen sich als Human Beings – als wunderbare Wesen Gottes – begreifen, die ihre Würde bereits in die Wiege gelegt bekommen haben, verlieren völkische Ideologien ihre Macht. Niemand muss reinrassig oder stark sein, um dazuzugehören. Die Zugehörigkeit ist bereits gegeben. Menschen sind jemand, weil Gott sie so nennt.
Was wäre, wenn das Jahr 2026 zu einem Jahr der Gnade würde?
- Dass einander nicht zuerst als Deutsche oder Fremde, als Gewinner oder Verlierer begegnet wird, sondern als Menschen, die alle nach demselben Halt suchen.
- Dass der Mut wächst, der Angst mit dieser existenziellen Entlastung zu begegnen: Ich bin genug. Du bist genug.
Die Kirche mag kleiner werden, ihre Gebäude mögen sich leeren – doch diese Botschaft, dass der Mensch an sich eine unantastbare Würde besitzt, die keine Vorleistung braucht, ist heute so kostbar und wichtig wie seit Generationen nicht mehr.
Mit dieser Freiheit kann das Jahr 2026 beginnen. Nicht aus Angst, sondern aus der Gewissheit heraus, geliebt zu sein. Ohne Wenn und Aber.
Die Internetredaktion verbindet diesen Impuls mit dem Wunsch nach einem gesegneten und friedvollen Jahr 2026.


